Dr. Zeit

Das die Zeit alle Wunden heilt ist allgemein bekannt, doch kann sie auch Probleme lösen? Viel interessanter: Wenn sie das wirklich kann, handelte es sich wirklich um ein Problem, oder nur um eine Ungewissheit, ein Schleier aus Nebel der einem ein Problem vorheuchelt?

Diese Momente in denen du denkst es geht nicht mehr, der Anruf kommt nicht mehr, die Sonne wird nicht mehr scheinen… und auf einmal macht es *blop* und es passiert doch.

Haben wir weniger Probleme, wenn wir mehr Geduld haben? Haben wir überhaupt Probleme wenn Geduld keine Frage ist? So viele Fragen. Fragen ist gut – mir persönlich lieber als zu antworten. Ich glaube die Antwort ist, gerade in unserer Gesellschaft: Nein! Durch die Geduld und die Zeit kann sich zwar alles entwickeln, doch ist man letztendlich selbst dafür Verantwortlich die richtigen Gegebenheiten ins rollen zu bringen. Doch müssen es keine großen großen Bewegungen sein, oft hat haben sich feine und dafür regelmäßige Anstöße bezahlt gemacht.

Auf der einen Seite erschüttert es mich wie oft ich auf etwas verzichtet habe, weil mir die Zeitspanne zwischen erster Handlung und tatsächlichem Bekommen unerträglich schien. Oder wie oft ich diesen Schwebezustand ausgehalten habe. Vor allem wie oft es auf irgendeine Art nützlich war etwas schleifen zu lassen.

In meiner Jugend dachte ich ich könnte mich für nichts verbindlich begeistern, zumindest nicht für länger als ein paar Wochen. Einige dieser scheinbaren Eintagsfliegen sind heute ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Als ich mir damals das erste Mal absolut ohne Ahnung vor Propellerheads Reason saß und keinen einzigen sinnvollen Ton rausbrachte, als ich meine E-Gitarre kaufte, welche ich vielleicht 15 Stunden bespielte und dann für, ich weiß gar nicht mehr für was, wieder verkaufte, ahnte ich noch nicht das ich schon 3 Jahre später meinen ersten Track auf meinem eigenen Label verkaufen würde.

Verkauft habe ich ihn noch kein einziges Mal, doch die Erfahrungen waren es alle mal Wert. Es bringt schon etwas die Dinge an ihrem direkten Nutzen zu bewerten,  doch kann er dem Langfristigen bei weitem nicht das Wasser reichen. Klar sollten die Dinge Spaß machen und am besten auch den Mitmenschen Freude bereiten, doch wie ist das wenn man die ersten Stunden vor dem Klavier oder noch besser an der Geige verbringt? Machen wir uns nichts vor, es ist für niemanden ein Genuss. Klar, steckt man Energie und regelmäßige Zeit rein kann man schon bald persönlichen Fortschritt bemerken und sich darüber freuen – doch bis man andere damit beglücken kann ist es ein weiter Weg.

Bemerkt? Ich redete gerade, wie ich es gestern beim Joggen beschrieb, eher über die Ästhetik des einzelnen Kämpfers als der sich gegenseitig aufbauenden Gruppe. Auch jetzt fallen mir wieder die Schuppen aus den Augen: klar sollte man zumindest wissen das die Schwarzen Tasten nichts mit Moll zu tun haben und Akkorde nicht nur auf der Gitarre spielbar sind doch wie schnell könnte man in Gemeinschaft vorwärts kommen?

Es stimmt mich ein wenig traurig, dass ich die Antwort zwar irgendwo erahnen kann, jedoch überhaupt nicht vorstellen. Zumindest bestärkt es mich in dem aktuell schon länger unterdrücken Wunsch, mit allen möglichen Musikern zusammen zu arbeiten, sein es Technoboys, Geigengirls, Mcs oder was es sonst noch gibt in der bunten Musiklandschaft.

Nervös macht mich der Gedanke, mich dabei auf Dr. Zeit zu verlassen. Schwester – ich brauche noch eine Ladung Geduld.

Systemkreativismus oder Möglichkeiten der Verbindlichkeit

Ich sah im Joggen immer eine gewisse Ästhetik, es schein mir sportlicher als das gute alte Spazieren gehen, jedoch klarer und reiner als Kraft- oder Mannschaftssport. Damit schließe ich auch dieses interessant anzusehende Gruppenjoggen aus. Es geht mir um diese Disziplin, sich ganz alleine aufzurappeln, die Laufschuhe anzuziehen und Gas zu geben. Und ich sah immer eine Kunst darin es richtig zu machen, pro Gelenke und so weiter. Letztlich fällt es mir gerade wie Schuppen von den Augen das ich es nie länger als ein paar Wochen geschafft habe regelmäßig laufen zu gehen,  einerseits wegen dem gestern erwähnten unerreichbaren Leistungsdruck des letzen Males, andererseits die Monotonie am ganzen und dazu noch dieser unterbewusste Gedanke das ich schon in Bälde eine Reha für meine Fußgelenke bräuchte.

Letztendlich war das erste Mal immer von dem Gedanken und der Vorfreude auf körperliches Wohlbefinden orientiert, während beim letzten Mal es nur noch zählte irgendwie an das letzte Mal ranzukommen – es klingt gerade wie die klassische Vorstellung einer Heroinsucht – es ist niemals so gut wie beim ersten Mal. Heute ist mir das Wohlbefinden und Abschalten können die oberste Priorität, dicht gefolgt von der Disziplin selber, welche diesmal aber nicht absolutistisch heißt mindestens jeden zweiten Tag laufen zu gehen, sondern der Verbindlichkeit von mir an mich geschuldet ist. Prinzipiell ist das gerade der wohl wichtigste Treiber für mich im universellen, Verbindlichkeit zu leben.

Ich war in den vergangenen sieben Tagen vier mal schwimmen und einmal Joggen. Gestern wollte ich an einer kostenlosen Jogasession im freien teilnehmen, doch als ich dort war ließ ich mich von ein paar Regentropfen davon abringen die Gruppe zu suchen. Wollte dann auf Homesport à la Fighter Fitness ausweichen, doch letztendlich sind es ein paar Bier und das aufsetzten dieses Blogs geworden. Das körperliche Wohlbefinden ist mir gerade wichtig und erstrebenswert, egal was, vergiss die Ästhetik der Bewegung selbst für einen Moment. Am besten fühlt sich die scheinbar neue Freiheit an, ganz spontan entscheiden zu können was ich heute für meinen Körper – nein für mich tue! Und Schwimmen ist bekanntlich besser für die Gelenke, doch ist es eben ein schwimmen, eine eher unpräzise Art den Körper zu bewegen. Genau dieser Gegensatz ist das was mir scheinbar fehlte, ich fühle mich nun wesentlich mehr motiviert morgen die Laufschuhe anzuziehen oder eine intensive Kraftsession einzulegen. Finger sind gekreuzt.

Und das Beste daran? Es gibt mir einen Grund zu schreiben. Klar ist das hier keine literarische Meisterleistung oder das Motivatum schlecht hin – doch für mich fühlt sich das nach einem großen und wichtigen Schritt an. Nun, wo liegt die alternative zum Schreiben? Das hier soll kein make yourself the best version of yourself Blog werden – höchstens für mich privat – vielleicht schreibe ich morgen ein romantisch melancholisches Gedicht, vielleicht ein Manifest über die feine Divergenz zwischen Hipster und Heuchler, vielleicht ein paar Worte über den Geschmack von Salz. Vielleicht reihe ich einfach nur ein paar Wörter auf systematische, kreative oder systemkreative Weise zusammen, oder ich schreibe über Systemkreativismus – yeah.

Verbindlichkeit

Noch vor ein paar Stunden war ich hoch motiviert von dem Gedanken wieder täglich Blog und Tagebuch zu schreiben. Doch wie das Leben so spielt, und es mich die Erfahrung gelehrt hat, wird das nicht ganz einfach. Selbst an zwei Händen und zwei Füßen könnte ich nicht abzählen, wie oft ich mir schon irgendetwas täglich vorgenommen habe.

Doch ich möchte es wieder versuchen, mittlerweile scheinen die Dinge anders. – Sind die Dinge nicht immer irgendwie anders? Ich habe immer den Drang etwas sofort zu machen, es gleich umzusetzen. Getting Things Done heißt es im Kanon der modernen Gesellschaft, tu es einfach! Doch steckt nicht auch im ständigen sich vornehmen von guten Vorsätzen und Absichten und dem Abrechen dieser nach ein paar Tagen eine Art Verbindlichkeit, ein Vertrauen an die Missgunst?

Warum kann ich nicht einfach mal so Joggen gehen, warum muss ich mir immer gleich vornehmen es übermorgen wieder zu tun? Bisher machte ich immer den Fehler beim ersten mal so viel Energie zu investieren das ich bereits beim zweiten Mal mir nicht vorstellen konnte wieder so viel Gas zu geben. Enttäuschung machte sich breit und hinderte mich daran irgendetwas zu tun.  Ja, auch ich möchte irgendwann mal ein Buch schreiben, aber wie soll ich das schaffen wenn ich nach 15 geschriebenen Seiten schon wieder denken das es komplett sinnlos ist, wenn ich es nicht einmal schaffe einen Monat lang täglich Blog zu führen?

Anscheinend sind überhöhte Erwartungen das Problem. Der romantische Perfektionismus, wenig tun – viel erreichen wollen. So geht das nicht. Schon jetzt habe ich wieder das Gefühl, oder besser gesagt das Denken, dass ich mich verfranse und keinen Sinn schaffe.

Letztendlich ist es egal. Es wäre Verbindlichkeit in Isolation, bisher habe ich mich immer unterbewusst darauf verschwört, dass ich immer etwas perfektes abliefere, immer Vollgas gebe, immer an die Grenzen gehe oder aufgebe.

Verbindlichkeit gegenüber der Verbindlichkeit, wie in der Ehe, wie in guten und in schlechten Zeiten. Man streitet, ist nicht einer Meinung, doch wie der Ring es irgendwie symbolisiert muss es eine Art Loop geben, eine Wiederholung auf Basis von Grundlagen. Die Möglichkeit der Perfektion existiert und scheint auch erstrebenswert – doch langt es nicht, gerade am Anfang, Irgendetwas zu schreiben? Langt es nicht zumindest die Laufschuhe anzuziehen und einfach loszulaufen, ohne den Anspruch das letzte Mal zu überbieten, oder gar die selbe Leistung zu erreichen?

Ich stelle hier viele Fragen, mittlerweile fürchte ich jede Art von Absolutismus, zumindest wenn es mir auffällt. Selbst das ist ein Absolutismus und sicherlich habe ich weiter oben noch mehrere verwendet. Die Ehe verwendete ich als Beispiel für die Verbindlichkeit gegenüber der Verbindlichkeit, doch wie viele Ehen zerbrechen, gehen ein an ihrer scheinbaren Monotonie, es scheint wie eine virtuelle Verbindlichkeit.

Ich möchte schreiben – in guten wie in schlechten Zeiten – ja ich will.